Bangladesch will Brücken bauen

 

 Foto: SOCIETY/Pobaschnig

 Text: Hermine Schreiberhuber

 Außenminister unterstreicht Bemühungen um säkulare Demokratie und ökonomische Entwicklung.

 „Bangladesch verfolgt eine Politik der Freundschaft mit allen.“ Außenminister Abul Hassan Mahmood Ali sieht sein Land als eine Brücke in Südostasien. „Wir wollen die Lebensqualität unseres Volkes verbessern und in der internationalen Gemeinschaft die Rolle eines verantwortungsbewussten Landes spielen, mit dem Bekenntnis zu einem Staat mit einem säkularen demokratischen System“, formulierte der Minister  anlässlich seines Österreich-Besuchs das Ziel seines Landes.

 

Bangladesch habe in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und die Entwicklungsziele der UNO erreicht, insbesondere für die Frauen. „Auf einigen Gebieten sind wir ein Vorbild geworden“, sagt Minister Ali nicht ohne Stolz. 2015/16 sei beim Bruttonationalprodukt eine positive Entwicklung konstatiert worden. „Bangladesch schreitet voran, es wurde von der Weltbank höher eingestuft.“

Innenpolitisch stehe die Koexistenz der Volksgruppen auf der Agenda ganz oben.

90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, ein Prozent Buddhisten, noch weniger Christen. „Doch wir leben alle friedlich zusammen. Jeder in Bangladesch, egal welcher Religion er angehört, nimmt an Festen der anderen Religionen teil. Da gibt es eine wirkliche Harmonie.“ Bangladesch sei ein Staat mit muslimischer Mehrheit, setze sein Vertrauen aber in ein System der säkularen Demokratie.

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Ist Ihr Wien-Besuch in erster Linie eine bilaterale Visite?

Es handelt sich um eine bilaterale Visite im Auftrag der Regierung. Ich komme erstmals als Außenminister. Doch habe ich ein besonderes Verhältnis zu Österreich, denn als ich Botschafter in Deutschland war, war ich für Österreich mitakkreditiert. Daher lag mir sehr viel daran, hier einen bilateralen Besuch zu absolvieren. Als Botschafter war ich bereits früher in Österreich gewesen.

Sie trafen Außenminister Sebastian Kurz. Welche Themen besprachen Sie?

Es gibt viele Chancen der wirtschaftlichen Kooperation. Der Handel zwischen beiden Ländern hat sich in den letzten Jahren ausgeweitet. Die EU ist unser größter Exportpartner. Wir sind stark im Schiffsbau, in der Pharmaindustrie, sind ein großer Exporteur von Fahrrädern nach Europa – auch Österreich. In der Kommunikations- und IT-Branche sind wir gut im Geschäft. An der nächsten CEBIT-Messe in Hannover werden wir teilnehmen. Mit Österreich möchten wir die Zusammenarbeit ausbauen, auch auf dem High-Tech-Sektor.

Welche politischen Themen wurden im Außenamt erörtert?

Es ging etwa darum, wie Bangladesch den Terrorismus bekämpft, welche Position wir vertreten. Wir haben null Toleranz gegenüber dem Terrorismus und gewalttätigen extremistischen Gruppen. Weiters, wie es um den Informationsaustausch mit verschiedenen Partnern steht. Wie wir anderen Staaten helfen, mit dieser Bedrohung, diesem Problem fertig zu werden.  

Führten Sie in Wien auch Gespräche über multilaterale Themen?

Im Dezember richten wir in Dhaka ein globales Forum über Migration und Entwicklung aus. Wir haben Österreich dazu eingeladen. Die Migrations- und Flüchtlingsproblematik war in der UNO-Generalversammlung im Herbst ein Top-Thema. Eine Vielzahl an Gipfelgesprächen fand statt. Ministerpräsidentin Sheika Hasina nahm auch an dem Flüchtlingsgipfel teil, den US-Präsident Barack Obama einberief. Weltweit stehen diese Themen im Fokus multilateraler Treffen. Auch Bangladesch muss Engagement und Verantwortung zeigen.

Bangladesch ist auch Mitglied eines hochrangigen internationalen Gremiums zu Wasserfragen unter Ägide des US-Außenministers. Sheika Hasina nahm an dem Treffen des Panels teil und legte am UNO-Sitz in New York auch den Standpunkt Bangladeschs vor der Presse dar.

Wir leisten als Truppen stellendes Land einen großen Beitrag für Friedensmissionen der Vereinten Nationen. Bangladesch ist ein engagiertes Mitglied dieser Peace-keeping Operations und nimmt seinen Anteil an der internationalen Verantwortung wahr.

Bangladesch hat zwei Atommächte, Indien und Pakistan, als Nachbarn. Welche Haltung nimmt es ein?

Bangladesch hat keine Nuklear-Ambitionen und unterzeichnete den Atomwaffensperrvertrag. Wir hoffen, dass alle auf dem südasiatischen Subkontinent den Frieden bewahren werden. Sheika Hasina hat an Indien und Pakistan appelliert, sich Zurückhaltung aufzuerlegen.

Wie beurteilen Sie die Wahl von UNO-Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres zum nächsten UNO-Generalsekretär?

Wir begrüßen seine Wahl. Er verfügt über große Erfahrung und er bewältigte das Amt des Flüchtlingshochkommissars ausgezeichnet. Er übte diese Funktion zwei Perioden hindurch, zehn Jahre lang aus, und er machte seine Sache sehr gut.

Bangladesch ist ein mehrheitlich muslimisches Land, der Islam ist Staatsreligion.

Das ist der Fall, doch wurde dies von den religiösen Diktatoren so beschlossen. Etwas aufzuheben, was in der Verfassung verankert ist, ist schwierig. Aber das Volk von Bangladesch strebt einen säkularen demokratischen Staat an. Alle vier wichtigen Religionen sind auf unserer Linie.

Papst Franziskus plant eine Reise nach Indien und auch nach Bangladesch. Wurde das schon bestätigt?

Ja. Der Erzbischof von Dhaka wurde kürzlich vom Papst zum Kardinal ernannt. Die Christen in Bangladesch sind großteils römisch-katholisch. Von 160 Millionen Menschen ist selbst ein Prozent ziemlich viel. Der Papst-Besuch in Bangladesch im nächsten Jahr  ist ein Akt der internationalen Anerkennung, auch für das Festhalten  an den Prinzipien der säkularen Demokratie, und eine große Ehre für das Volk von Bangladesch.

A propos Islamismus. Bangladesch hatte einen heißen Sommer, mit blutigen Terrorangriffen.

Es gab einen Angriff, in dem etwa 20 Menschen getötet wurden. Viele von ihnen waren Ausländer, Italiener und Japaner. Danach gab es keine Angriffe mehr.

Bangladesch betont, bei den Tätern handle es sich um einheimische Gruppierungen, nicht um internationale Terroristen.

Einige gewalttätige Gruppen wurden unter Kontrolle gebracht. Bei Terroristen haben wir null Toleranz. (Der Minister zitiert aus einem Dokument:) Bei den Angreifern handelte es sich um junge Männer aus der Mittelschicht in Bangladesch. Sie mögen vor der schwarzen IS-Flagge posieren, sie mögen sich auf die Ziele ausländischer Extremisten berufen, wie Zerstörung der Demokratie, die Rechte von Frauen und Kindern unterstützt, doch diese Terroristen sind hausgemacht. Dies ergaben Verhöre von festgenommenen Attentätern und Informationen der Sicherheitsdienste.

In europäischen Medien gab es Berichte über Unfälle in der Textilindustrie wegen unzureichender Sicherheit.

Einen Unfall gab es 2012, jetzt schreiben wir 2016. In den letzten Jahren arbeiteten wir eng mit der ILO sowie mit Behörden und Fabrikbesitzern im Inland zusammen. Wir haben unsere Gesetze verschärft, die Vorschriften werden eingehalten. Sie können sich bei einem Besuch davon überzeugen. Diese Vorfälle liegen weit zurück. Ich füge hinzu: In vielen Staaten gibt es Unfälle mit Toten und Verletzten, und niemand berichtet darüber. In unserem Fall wurde alles weltweit live im TV verbreitet. Doch das half uns, die Lage zu verbessern. Das sollte in Betracht gezogen werden.

Es gibt Konflikte im regionalen Kooperationsbündnis SAARC. Bangladesch sagte, wie andere Staaten, seine Teilnahme am Gipfel in Islamabad ab.

Pakistan mischt sich in unsere Angelegenheiten ein. So heißt es, dass 1971, als Krieg mit Bangladesch herrschte, nichts geschehen sei. Ungeachtet aller Proteste mischte sich Pakistan weiter ein. Das ist der Grund, warum wir nicht teilnehmen. Das ergibt keinen Sinn. Andererseits war der SAARC-Prozess hilfreich. Wir haben die Charta unterzeichnet. Es gibt eine subregionale Kooperation zwischen Bangladesch, Indien, Nepal und Bhutan. Wir vier schreiten dabei mit voller Kraft voran.

Bangladesch hat ein Zwei-Parteien-System. Die Awami-Liga ist an der Regierung.

Welche sind die Prioritäten der Regierung von Sheika Hasina?

Das Leben der Menschen zu verbessern, ist das Hauptziel. Die Gründungsväter träumten von einem „goldenen Bangladesch“, wo die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllt werden und allen die gleichen Chancen offen stehen, ihr Leben zu gestalten und ohne Armut zu leben. Sheika Hasina verfolgt diese Idee. Sie ist ein Vorbild für viele Staaten geworden, vor allem Entwicklungsländer. Ihr Traum besteht darin, Bangladesch bis 2041 zu einem entwickelten Land zu machen. Also 20 Jahre nach dem Jubiläum der Unabhängigkeit, das 2021 begangen werden soll.

In bedeutenden Familien der Region gibt es eine ausgeprägte politische Tradition. Es gibt führende weibliche Politiker. Ist das ein Spezifikum in Südostasien?

Ein Beispiel ist Indien, mit Indira Gandhi und ihrem Sohn, und auch dessen Frau, sowie deren Sohn. In Bangladesch ist die Regierungschefin die Tochter des Gründers der Awami-Liga. Ähnliche Beispiele gibt es in Sri Lanka, Pakistan, Malaysia, Indonesien, Singapur. Aber auch anderswo – siehe in den USA die Präsidenten Bush Vater und Sohn, in Kanada regiert jetzt der Sohn des früheren Premierministers Trudeau. Die beiden sind große Freunde von Bangladesch.

 

In Asien sind es oft Witwen und Töchter, die das politische Familienerbe  antreten.

Offenbar entspricht dies dem Wunsch ihrer Völker. Diese Frauen übernehmen auf Grund von großer Zustimmung im Volk politische Führungsaufgaben. Die Menschen wollen sie wählen. Sie müssen dann in demokratischen Wahlen bestätigt werden. Übrigens: Ministerpräsidentin Sheika Hasina wurde eingeladen, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2017 zu sprechen. Das wird eine Premiere.

 

Biografie zu Abdul Hassan M. Ali

Abul Hassan Mahmood Ali, geboren 1943, absolvierte ein Wirtschaftsstudium an der  Universität Dhaka. In seiner diplomatischen Karriere war er zuerst in New York, New Delhi und Peking tätig. Als Botschafter wurde er nach Bhutan, Nepal, Deutschland – mitakkreditiert für Österreich – und Großbritannien entsandt. Im Außenamt in Dhaka leitete er u.a. die Abteilungen für Internationale Organisationen und Südasien. 1971 schloss sich Ali der Befreiungsbewegung Bangladeschs an. 2001 quittierte er den diplomatischen Dienst und wurde Abgeordneter der Awami-Liga. 2012 wurde er zum Minister für Katastrophenschutz ernannt, seit 2013 ist er Außenminister.