Journalistenlegende Hugo Portisch

Der 93-jährige Ausnahmejournalist Hugo Portisch hat das Geschichtsverständnis der ÖsterreicherInnen geprägt wie kein anderer. Mit einem gewinnenden Lächeln begrüßte er uns in seiner lichtdurchfluteten Wohnung im dritten Bezirk zum Interview.

Geboren wurde Portisch am 19. Februar 1927 in Preßburg (Bratislava), wo er mit seinem älteren Bruder Emil und seinen Eltern aufwuchs. Sein Vater, ein Fürsprecher der Demokratie, war ebenfalls Journalist, zwischen 1924 und 1939 sogar Chefredakteur der deutschsprachigen „Preßburger Zeitung“.

Den zweiten Weltkrieg erlebte Hugo Portisch als junger Bursche mit, bei dessen Ende war er 18 Jahre alt und nur knapp dem Kampf als Soldat an der Front entgangen. Kurz nach Erhalt seines Reifezeugnisses am 4. April 1945 sollte er zur Waffen-SS einrücken, sein Marschbefehl gen Prag wurde aber mit dem Ende des Krieges obsolet.

Die Anfänge

„Ich wollte nicht Journalist werden“, schreibt er in seiner Biografie Aufregend war es immer, sein primärer Wunsch damals: „in die Welt hinauszugehen, fremde Länder zu sehen, andere Kulturen zu erleben“. Um sich dies später einmal ermöglichen zu können, begann Portisch nach Kriegsende an der Universität Wien Philosophie und Psychologie, Anglistik, Geografie und Germanistik zu studieren, ehe er zu Publizistik, das damals noch Zeitungswissenschaft hieß, wechselte und diesen Studiengang 1951 mit dem Dr. phil abschloss.

Die für ihn nachhaltigste journalistische Ausbildung erhielt er aber 1950 im Rahmen eines sechsmonatigen Journalistenkurses in den USA, wo er als Praktikant unter anderem bei der New York Times und der Washington Post arbeitete. Dort lehrte man ihn jenes Leitmotiv, welches er auch heute noch als wichtigstes Paradigma des guten Journalismus‘ betrachtet: „Check, re-check und double check – immer die Wahrheit zu sagen, nichts zu verschleiern und alles so auszusprechen, wie es ist“, betont er im Interview mit SOCIETY.

Seine journalistische Karriere begann aber bereits drei Jahre vor seiner Reise in die USA, als Redaktionseleve der Wiener Redaktion des St. Pöltner Pressevereins, 1948 wechselte er zur Wiener Tageszeitung, im gleichen Jahr lernte er seine spätere Ehefrau und engste Weggefährtin, die Schriftstellerin Traudi Reich kennen.

1953 folgte ein neuer Meilenstein seiner Karriere: er zog nach New York, um für den Österreichischen Informationsdienst zu arbeiten. Im Zuge dieser Position begleitete er den damaligen Bundeskanzler Julius Raab bei seinem USA-Besuch. Bereits im folgenden Jahr wechselte er zum „Neuen Kurier“, zu dieser Zeit war Hans Dichand noch Chefredakteur des Blattes, vier Jahre später übernahm Portisch diesen Posten.

Als Chefredakteur des Kuriers war er 1964 maßgeblich am Zustandekommen des ersten Volksbegehrens, die Unabhängigkeit des Rundfunks betreffend, beteiligt. Nach dessen Erfolg holte ihn der neue ORF-Generalintendant Gerd Bacher als Chefkommentator zum Österreichischen Rundfunk. Bacher war es auch, der ihn und Sepp Riff damit beauftragte, sich dokumentarisch mit der Geschichte Österreichs auseinanderzusetzen. „Zu Beginn war ich der Meinung, dass das nicht so schwer sein könne. Ich dachte, es gäbe sicherlich genügend Filmmaterial und Erkenntnisse von Historikern, zwanzig Jahre danach“, erinnert sich Portisch. Die Realität war aber eine andere. Der ORF verfügte lediglich über etwa 40 Minuten Filmmaterial, im Filmarchiv war ebenfalls nichts zu finden, die Aufnahmen waren mehreren Bränden zum Opfer gefallen. Nach einiger Überlegung fiel ihm und seinen Kollegen ein, die damaligen Besatzungsmächte nach Material zu fragen. „Ich fuhr nach Washington, London, Paris und Moskau und suchte überall Leute, die eine gewissen Ahnung von dieser Materie hatten und meine Suche war auch erfolgreich“, so Portisch. Die große Herausforderung war jedoch die Sowjetunion, deren Zentralarchiv für ausländische Journalisten nicht zugänglich war. Nach einem Gespräch, das der damalige österreichische Bundespräsident, Dr. Rudolf Kirchschläger mit dem sowjetischen Staatsoberhaupt Leonid Iljitsch Breschnew führte, bewilligte dieser die Öffnung des Archivs für Portisch. „Ich flog also nach Moskau, sichtete das Material und fand einen Schatz. Hunderte Filme, die die Sowjets gedreht hatten“, erinnert sich der Journalist. Gerd Bacher bewilligte die Millioneninvestition in das Material und eine der wichtigsten Dokumentationen über die Geschichte und Identitätsfindung der Republik Österreich konnte entstehen. „Mit unseren Fragestellungen haben wir die Grundlage für die Geschichtsforschung in diesem Bereich gelegt und gleichzeitig mit einigen Auffassungen Schluss gemacht, wie etwa mit der Staatsdoktrin, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen“, ergänzt er.

Höhepunkte

In seiner außerordentlichen journalistischen Karriere wurde Portisch Zeuge zahlreicher historischer Ereignisse. Die erste Mondlandung 1969 blieb ihm aber ganz besonders in Erinnerung: „Dass es die Menschheit zum ersten Mal zum Mond hinauf schaffte, war schon ein sehr entscheidendes Ereignis“, so Portisch. Aber auch der Vietnamkrieg grub sich tief in sein Gedächtnis. „Die Amerikaner brachten uns Journalisten mit kleinen Flugzeugen regelmäßig an die Front, als eines Tages die kommunistischen Vietcong-Partisanen kurz vor der Landung auf uns schossen. Der Pilot konnte in letzter Sekunde durchstarten und wegfliegen.“ Eine Erfahrung, die ihn nicht davon abhielt, weiter direkt am Geschehen journalistisch tätig zu sein.

Sein umfangreiches Wissen und seine Erfahrungen konservierte „der Geschichtelehrer der Nation“ bis heute in zahlreichen Projekten und Publikationen, darunter auch das Schwammerlbuch „Pilze suchen – ein Vergnügen“, das er gemeinsam mit seiner Frau verfasste.

In seinem aktuellsten Buch, das im September 2020 erschien, beschäftigt er sich mit Russland. In einer Synthese aus persönlichen Erfahrungen und historischen Rückblicken, Fakten und Kontextwissen vermittelt er seine Sichtweise auf die Dinge und formuliert ein Plädoyer für eine engere Zusammenarbeit zwischen der russischen Föderation und der EU. „Dieses Buch zu schreiben war mir ein großes Anliegen, weil ich festhalten wollte, dass Russland ein europäisches Land ist, ein europäischer „Mitbruder“ und kein fernes asiatisches Land“, hebt er hervor.

Hugo Portisch kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken, in dem er stets hohes Ansehen in Österreich genoss. 1991 hätte er sogar das Amt des österreichischen Bundespräsidenten übernehmen können, welches er jedoch aufgrund der mit diesem Amt verbundenen Einengungen ablehnte.

2019 erhielt er für sein Lebenswerk das Goldene Ehrenzeichen der Republik, das ihm von Außenminister Alexander Schallenberg überreicht wurde.

„Mir fällt nichts ein – im Großen und Ganzen ist in meinem Leben alles sehr zufriedenstellend gelaufen“, antwortet er auf die Frage, ob er heute in seinem beruflichen Leben etwas anders machen würde. Er habe auch nichts dagegen, noch ein Buch zu schreiben, sofern ihm noch eine gute Idee käme, erzählt er uns. Sein Schaffen war und ist für die österreichische Gesellschaft jedenfalls von großer Bedeutung, und wird es auch für zukünftige Generationen sein, denn, so lautet einer Portischs Leitgedanken, „nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart beurteilen.“

Foto: SOCIETY/Pobaschnig

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