Die zeitlose Präsenz der Griechen in Wien

In der österreichischen Hauptstadt sind die Spuren griechischer Einwanderer immer noch auffindbar.

Während des 18. Jahrhunderts und des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts bildete sich in Wien eine dynamische griechische Handelsgemeinschaft. Ein wesentlicher Hebel für die Entwicklung der griechischen Handelsdiaspora in Mitteleuropa war der politische Wille der Habsburger bereits Ende des 17. Jahrhunderts wirtschaftlich in das südöstliche Mittelmeer vorzudringen und ihre Entscheidung, Händlern aus dem damaligen Osmanischen Reich Handelsprivilegien zu gewähren und ihnen das Recht zu geben, sich im Habsburgischen Territorium niederlassen zu können. Mit der Anwesenheit der Griechen baute Österreich seinen Orienthandel aus, da sie als Händler über Kontakte ins Osmanische Reich verfügten.

Griechische Kaufleute, die im 18. Jahrhundert hauptsächlich aus den Regionen Epirus, Makedonien und Thessalien nach Wien kamen, ließen sich im nordöstlichen Teil der Stadt nieder, in dem Gebiet, das heute zwischen Alter Fleischmarkt, Hafnersteig, Hoher Markt, Rotgasse und Sonnenfelsgasse liegt. Hier schlug das Herz des Wiener Großhandels. In kurzer Zeit waren die beiden griechisch-orthodoxen Kirchen Hl. Georg und Heilige Dreifaltigkeit (Agia Triada), die griechische Schule und das griechische Café, in dieser Gegend eingerichtet. In Erinnerung an die Griechen jener Zeit gibt es heute noch eine kleine Straße, die Griechengasse.

Die griechische Wirtschafts- und Handelsorganisation in Wien arbeitete auf der Grundlage familiärer Bindungen. Die größten und bekanntesten Handelshäuser in Wien waren Familienunternehmen oder Genossenschaften zwischen Brüdern oder zwischen Vater und Sohn oder Söhnen. Sehr berühmt war das Sina-Handels- und Bankhaus. Es gab aber auch andere wichtige Handelshäuser wie die der Brüder Dumba, der Brüder Darvari, der Brüder Tirka.

Mitglieder dieser Gemeinschaft nahmen am Wirtschaftsleben der Stadt teil, erhielten Adelstitel, wurden Kaufleute, Industrielle oder Immobilienbesitzer und schlossen sich der multinationalen bürgerlichen Gesellschaft Wiens an. Einige nahmen den Titel eines Barons an wie Georgios Sinas, Stergios Dumba und Konstantinos Belios, andere traten Verwaltungsämter an wie Theodoros Karagiannis und Nikolaus Dumba, die Mitglieder des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrates wurden. Aber es gab auch Griechen, die Professoren an der Universität von Wien wurden, wie der Historiker Theodoros Karagiannis, oder sich in der Wissenschaft oder der Kunst auszeichneten, wie der Kunstmäzen Nikolaus Dumba. Der wirtschaftliche Wohlstand der griechischen Wiener Kaufleute führte auch zur Entwicklung einer bemerkenswerten gemeinnützigen Arbeit. Mitglieder griechischer Familien sind in der Geschichte Wiens als Sponsoren, Wohltäter und Unterstützer intellektueller und künstlerischer Aktivitäten bekannt geworden.

Die beiden griechischen Kirchengemeinden, die zum Hl. Georg und die zur Heiligen Dreifaltigkeit, beide im 18. Jahrhundert (1723 und 1787) in Wien gegründet, waren der österreichischen Regierung untergeordnet, hatten jedoch das Recht ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln und religiöse Gottesdienste zu praktizieren. Die Verwaltung der griechisch-orthodoxen Kirchen lag ebenfalls in den Händen der Gemeinden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts und insbesondere im Jahr 1804 wurde die Griechische Nationalschule Wien in Betrieb genommen. Es ist die einzige griechische Schule auf dem Gebiet des früheren Habsburgerreichs, die bis heute besteht und gleichzeitig die älteste aktive Schule der griechischen Diaspora. Der Biedermeierfriedhof zu Sankt Marx hat eine eigene griechische Abteilung, wo in Wien lebende Angehörige der griechisch-orthodoxen Konfession ab 1784 begraben wurden.

Das Ende der erfolgreichen Epoche für den Handel, welche durch die Napoleonischen Kriege begünstigt wurde, führte dazu, dass ab Mitte des 19. Jahrhunderts die griechische Gemeinschaft nicht weiterwachsen konnte. Viele Griechen hatten sich vollständig integriert, während andere Wien verließen, um sich in den neuen griechischen Gemeindezentren des 19. Jahrhunderts oder auch in Griechenland niederzulassen.

Mit Ausnahme einiger älterer Familien stammen die heute in Österreich lebenden Griechen aus der in den 1950er und 1960er Jahren eingereisten Generation ab. Es waren vornehmlich Studenten, die nach Österreich kamen, um in verschiedenen Städten des Landes, hauptsächlich in Wien und in Graz, zu studieren und sich niederzulassen. Die sozialen Bevölkerungsgruppen sind heute weit gefasst. Sie umfassen Freiberufler, Händler, Künstler, Ärzte oder Ingenieure. Die griechische Gemeinschaft in Österreich setzt sich für die Erhaltung ihres kulturellen Erbes ein und engagiert sich u.a. im Rahmen der Metropolis Austria. Schätzungen zufolge leben heute in Österreich etwa 10.000 Griechen, von denen etwa 3.500 die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Ihre Präsenz und ihre aktive Teilnahme am wirtschaftlichen, künstlerischen und sozialen Leben bilden eine Brücke zwischen den zwei Ländern, Österreich und Griechenland, deren bilaterale Beziehung ausgezeichnet war und ist.

Foto: pixabay/Sandor Somkuti

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