Jane Goodall – Ihr Lebenswerk

Niemand prägte das Bild, das wir heute von Primaten haben so eingehend und nachhaltig, wie die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall.

 „Jane ist eine unglaubliche Persönlichkeit, die eine wahnsinnige Ruhe ausstrahlt. Sie ist sehr straight, und sie weiß nach wie vor ganz genau was sie will. Was an ihr wirklich außergewöhnlich ist, ist diese Konsequenz, mit der sie die letzten 65 Jahre ihr Leben gelebt hat“, so beschreibt Doris Schreyvogel, Geschäftsführerin des österreichischen Jane Goodall Instituts die britische Ausnahmeforscherin im Interview mit SOCIETY. 

Die am 3. April 1934 als Tochter eines Ingenieurs und einer Schriftstellerin in London geborene Valerie Jane Morris-Goodall entdeckte ihre Leidenschaft für Afrika, als sie als Zehnjährige zum ersten Mal den „Tarzan“-Roman las. 

Schon zu ihrem ersten Geburtstag bekam sie einen Stoffschimpansen namens „Jubilee“ geschenkt, der eine frühe Versinnbildlichung ihres späteren Lebensweges sein sollte. Der kleine Stoffaffe begleitete sie auch bei ihrem Besuch in Österreich letzten September, im Zuge dessen ihr das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der 1. Klasse von Bundespräsident Alexander Van der Bellen überreicht wurde. „Zu Österreich pflegt sie langjährige Verbindungen, ihre Besuche finden hier in einem sehr familiären Rahmen statt“, erzählt Schreyvogel.

Nach ihrem Schulabschluss besuchte Goodall zunächst einen Sekretärinnenkurs. „Ich hatte nie den Traum, Wissenschaftlerin zu werden, denn damals wurden Mädchen keine Forscher. Man heiratete und bekam Kinder (…). Es war nicht vergleichbar mit den Möglichkeiten, die Frauen heute haben“, erinnert sich die Britin in einem Zeit-Interview.

Davon ließ sich die junge Jane Goodall aber nicht abhalten. Ihre Leidenschaft für Tiere, Afrika und die Wildnis trieben sie an, einen für die damalige Zeit unkonventionellen Weg zu beschreiten.

Erste Schritte in Afrika

Bereits 1957 besuchte sie erstmals alleine Kenia, wo sie den berühmten Anthropologen Louis Leaky traf, der sie – beeindruckt von ihrem Wissen – als seine Assistentin engagierte.

Drei Jahre später reiste sie gemeinsam mit ihrer Mutter Vanne, die ihr immer eine wichtige Stütze war, nach Tansania in den Gombe Nationalpark. Ohne akademische Vorbildung beobachtete sie dort über einige Monate hinweg Schimpansen in freier Wildbahn. Unbeeinflusst von wissenschaftlichen Vorannahmen, konnte sie aus den Beobachtungen Erkenntnisse ziehen, die das menschliche Verständnis von Schimpansen maßgeblich veränderten. So widerlegte sie zum Beispiel die Annahme, Schimpansen seien reine Vegetarier und entdeckte, dass die Menschenaffen Werkzeuge aus Baumzweigen herstellen, um an Nahrung zu kommen. Ihre zum damaligen Zeitpunkt außergewöhnliche Sichtweise auf Schimpansen verdeutlichte sie, als sie den Primaten erstmals Namen statt Nummern gab. Von ihren Forscherkollegen als „unwissenschaftliches“ Vorgehen kritisiert, revolutionierte sie damit dennoch die Primatenforschung wie keine andere. Das Vertrauen der Schimpansen erarbeitete sie sich mit viel Geduld. „Das dauerte Wochen und war oft frustrierend“, so Goodall im Zeit-Interview.

Bereits 1965 erschien der erste große Dokumentarfilm über Goodall, der von ihrem damaligen Ehemann Hugo van Lawick für National Geographic gedreht wurde und sie international bekannt machte. 1971 veröffentlichte sie ihr erstes großes Buch „In the Shadow of Man“, welches in 48 Sprachen übersetzt und auf Deutsch unter dem Titel „Wilde Schimpansen“ publiziert wurde.

Weitere umwälzende Erkenntnisse erzielte sie ab 1974, als in Gombe ein „vierjähriger Krieg“ zwischen zwei rivalisierenden Schimpansengruppen ausbrach und 1975, als sie Zeugin von Kannibalismus unter Schimpansen wurde. Davor galten die Tiere als weitestgehend friedliche Lebewesen.

Jane Goodall als Aktivistin

1977 gründete sie das Jane Goodall Institut, von dem es heute weltweit 34 Niederlassungen gibt, die sowohl als eigenständige Vereine als auch projektübergreifend arbeiten. Der österreichische Standort wurde 2003 von Walter Inmann eröffnet. Das Institut arbeitet grundsätzlich holistisch – Mensch, Tier und Natur werden also ganzheitlich betrachtet. „Das Eine funktioniert ohne dem Anderen einfach nicht, das sagt auch Jane immer“, so Schreyvogel dazu. Der österreichische Projektschwerpunkt liegt in Uganda, im Rahmen dessen neben Sanctuaries und Fallenentfernungs- und Aufforstungsprojekte auch Sozialprogramme unterstützt werden.

Die durch Menschenhand geschaffene Zerstörung des natürlichen Lebensraumes der Schimpansen veranlasste Goodall Mitte der 1980er dazu, sich als Aktivistin zu engagieren. 1991 gründete sie „Roots & Shoots“, ein Kinder- und Jugendnetzwerk, das Interessierte dabei unterstützen soll, eigene Ideen für ein besseres Leben umzusetzen. Die Feldforschung beendete sie 1980, mit 85 Jahren ist Goodall aber auch heute noch an durchschnittlich 300 Tagen im Jahr unterwegs, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und ihre Zuhörer und Zuhörerinnen zu motivieren, sich für den Tierschutz, die Umwelt und die Natur einzusetzen. „In Janes Forschungsstation in Gombe wird aber nach wie vor geforscht, ihre Studie gilt damit als längste Freilandstudie von Schimpansen die es je gab, aber das ,vor Ort sein‘ alleine reichte ihr irgendwann nicht mehr“, erklärt Schreyvogel die Rolle der Jane Goodall als Aktivistin und Vermittlerin. Die Britin ist außerdem Trägerin zahlreicher Auszeichnungen. Von fast 40 Universitäten in 15 Ländern erhielt sie bereits „Honorary Degrees“. Heute ist sie zudem Friedensbotschafterin der UNO.

Verbindungen mit SOCIETY

Das Jahr 2020 steht ganz im Zeichen der ersten Forschungsreise Jane Goodalls vor genau 60 Jahren. Im Rahmen diverser Veranstaltungen wird das ganze Jahr über die Geschichte Goodalls aufbereitet und nacherzählt. Eine Verbindung zum SOCIETY Magazin mit der großen Forscherpersönlichkeit gibt es ebenfalls – so wurde 2003 zur Eröffnung des Instituts gemeinsam mit Jane Goodall ein großer Event in der britischen Botschaft mit dem früheren Botschafter John McGregor veranstaltet. Goodall bedankte sich damals in einem Brief für die Unterstützung des SOCIETY Magazins unter Mag. Gertrud Tauchhammer. „Das war ein besonderer Abend – außergewöhnlich, mit all den Erwachsenen, die am Boden saßen – sogar John McGregor!“, schrieb sie. Mehr als 280 Gäste waren bei der Eröffnungsfeier 2003 anwesend um Goodalls Vortrag zu verfolgen. „Der sonst so elegante Empfangssalon sah beim Vortrag eher wie ein Hörsaal auf der Uni aus“, schrieb SOCIETY im Nachbericht.

Seit der Gründung des Instituts wurden international 250 Schimpansen in JGI Schutzstationen untergebracht, 149.000 Hektar Lebensraum bewahrt, 130 Gemeinden weltweit unterstützt und 5800 Roots & Shoots-Projekte umgesetzt.

„Janes wichtigste Botschaft ist, dass jeder Mensch jeden Tag die Möglichkeit hat, in seinem Umfeld zu entscheiden, welchen Einfluss er auf das Gesamte haben will“, so Schreyvogel. Das eine einzelne Person viel erreichen und einen Unterschied machen kann, verdeutlicht die Lebensgeschichte Jane Goodalls in jedem Fall.

Infobox:

Jane Goodall Institut – Austria

Probusgasse 3, 1190 Wien

http://www.janegoodall.at

Fotos: Jane Goodall Institut/Wild Chimpanzees/SOCIETY/Peter Lechner, BPA

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