Helene von Damm – Wie sie ihre Angst wegwarf

Eine Österreicherin lebt den amerikanischen Traum. Helene von Damm schaffte von einem kleinen Dorf in Niederösterreich den großen Schritt ins Büro des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan.

Helene von Damm, am 4. Mai 1938 als Helene Antonia Winter geboren, war erst 16 Jahre alt, als sie beschloss von zuhause wegzugehen, weil sie für sich am Land keine Perspektiven sah. Aufgewachsen während des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen, später von den Sowjets kontrollierten, niederösterreichischen Dorf namens Ulmerfeld, ging sie zunächst nach Wien zu ihrem Bruder. Dort gab es für eine 16-jährige ohne Ausbildung auch kaum Chancen und die Lebensbedingungen waren schlecht. „Die Hollywoodfilme der damaligen Zeit gaben mir Einblicke in eine andere, bessere Welt“, erklärt von Damm im Interview mit Society ihre Motivation, nach Amerika auszuwandern.

Als ersten Schritt musste sie aber Englisch lernen. Wieder folgte sie ihrem Bruder, der in der Zwischenzeit bei Siemens in Erlangen arbeitete. Dort war auch die amerikanische Armee stationiert, von Damm ergatterte einen Babysitterjob und passte auf die Kinder eines amerikanischen Kapitäns auf. Innerhalb der nächsten zwei Jahre konnte sie so ihre Schulenglischkenntnisse verbessern und sich um die Einwanderungspapiere für die USA bemühen. Während ihrer Zeit in Erlangen lernte sie außerdem ihren ersten Mann kennen, mit dem sie nach zwei Jahren in Deutschland schließlich in seinen Heimatort Detroit zog und dort als Schreibkraft in einer Versicherung zu arbeiten begann. „Das war ein grauenhafter Job: Ich musste die seitenlangen Polizzen fehlerfrei tippen – weit vor dem Computerzeitalter – ohne Möglichkeit Verbesserungen vorzunehmen“, so die ehemalige Botschafterin.  

Aufstieg in den USA

Dennoch ging es der nun 20-jährigen von Damm noch nie so gut: Sie hatte ein warmes Zuhause. Außerdem hatte sie Glück mit ihren Nachbarn. Ein jüdisches Ehepaar, das seine Kinder verloren hatte, nahm sich ihrer an. Sie ermutigten sie, sich weiterzubilden, weil sie ihr Potential erkannten. „Das war das erste Mal, dass mir jemand so etwas gesagt hat. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass man Kindern Vertrauen schenkt“. Von Damm besuchte von da an eine Abendschule, später sogar die Universität. Sie lernte alles, was sie glaubte, wissen zu müssen und wurde schließlich als Sekretärin bei  AMPAC (einer medizinischen Lobby-Firma) in Chicago eingestellt. „Von da an ging es steil bergauf“, erinnert sich die heute 81-jährige.

Nach fünf Jahren in Chicago erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ihr Interesse galt zu dieser Zeit vor allem der Politik ihres neuen Heimatlandes. Als sie eine Rede Ronald Reagans, der damals für den Wahlkampf von Barry Goldwater unterwegs war, hörte, zog sie dieser sofort in seinen Bann. „Als Reagan sich dann entschloss, als Gouverneur von Kalifornien zu kandidieren, dachte ich mir nur, dass ich da unbedingt dabei sein will. Was mir so imponierte, war wie offen er sich gegen „the Evil Empire“ (die damalige Sowjetunion) aussprach – vergessen Sie nicht, ich wuchs in der Sowjetbesatzungszone auf“, betont sie. Sie gab ihren Job, ihr eigenes Apartment und ihre Freunde in Chicago auf und übersiedelte nach Kalifornien, um bei dem Wahlkampf mitzuhelfen. „Ich habe wohl immer zu Risiken geneigt“, resümiert sie.  

Für den neuen Job erhielt sie allerdings keinen Lohn, sie musste ihr eigenes Apartment gegen ein Zimmer in einem Hostel tauschen, das sie sich mit vier fremden Mädchen teilte. Außerdem musste sie in zwei Jobs gleichzeitig arbeiten, um über die Runden zu kommen. Gerade als sie schon fast aufgeben wollte, erhielt sie einen Anruf des Wahlkampfmanagers Reagans, der ihr einen bezahlten Job anbot. Einzige Voraussetzung: 24 Stunden kompletter und ausnahmsloser Einsatz. Von Damm überlegte nicht lange, sagte zu und gelangte so in das Gouverneur Office. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Kabinettsversammlungen zu protokollieren – so lernte sie auch Reagan näher kennen. Als seine Sekretärin schwanger und ihre Stelle frei wurde, übernahm von Damm ihren Posten und wurde so Assistentin des späteren 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. 

Nach Reagans Zeit als Gouverneur zog sie mit ihm nach Los Angeles und managte dort weiterhin sein Büro. Als er das zweite Mal für den Präsidentschaftsposten kandidierte, bat ihn von Damm auch im Wahlkampf mitzuwirken- als Fundraising Manager in dem für Reagan schwierigen Nordosten. Dort war sie trotz starkem Gegenwind erfolgreich. In den folgenden zwei Jahren arbeitete sie nonstop ohne Feiertage und Urlaube. Danach ging sie wieder zurück in Reagans Office, ihr steter Wunsch nach neuen Herausforderungen wurde kurze Zeit später erfüllt, als sie die Stabstelle für politische Personalfragen im Weißen Haus  für die Reagan Administration übernahm.

Als Reagan ihr später den Vorschlag machte, als Botschafterin der USA wieder zurück nach Österreich zu gehen, lehnte sie zunächst zweimal ab. Doch das Argument, ihre Mutter in ihrem Lebensabend zu begleiten, überzeugte sie schließlich. So zog sie nach Österreich zurück, wo sie auch ihren dritten Mann, Peter Gürtler, den damaligen Chef des Hotel Sacher, kennenlernte. „Gürtler so schnell zu heiraten, war auf alle Fälle Übermut, da bin ich ein Risiko zu viel eingegangen“. Zum Zeitpunkt der Heirat ahnte sie nämlich noch nicht, dass sie ihren Posten als Botschafterin nicht behalten konnte.

Turbulente Zeiten

Die Ehe mit dem Hotelbesitzer wurde der Ausgangspunkt einer negativen Pressekampagne aus den USA, die sie schließlich dazu brachte, ihre Botschafterposition aufzugeben. Nachdem sie ihren Job verloren hatte und ihre Ehe gescheitert war, stand von Damm vor einer der größten Herausforderungen in ihrem Leben. Sie war 48 Jahre alt, ohne Job und finanzieller Sicherheit und musste sich neu erfinden. Sie blieb in Österreich und arbeitete als internationale Beraterin für verschiedene Institutionen und ist bis heute für gemeinnützige Organisationen wie „Künstler helfen Künstler“ oder der Swarovski Foundation aktiv. 1987 veröffentlichte sie ihr Buch „Wirf die Angst weg, Helene – Die Erinnerungen der Helene von Damm“, in dem sie ihren oftmals turbulenten Karriere- und Lebensweg Revue passieren ließ.

Bereits vor einigen Jahren zog sich die ehemalige Republikanerin vollständig aus der Politik zurück. „Die republikanische Partei von heute erkenne ich nicht wieder, aber in einer Demokratie muss man akzeptieren, wie eine Wahl ausgeht“, so ihre persönliche Einschätzung.

Auf die Frage hin, was sie jungen Frauen von heute für eine erfolgreiche Karriere raten würde, lacht von Damm im Interview und meint, dass es kein Patentrezept dafür gäbe, doch die Welt hätte sich für Frauen positiv verändert. Heute sei es kaum noch vorstellbar, dass sie damals die einzige weibliche Botschafterin in Österreich gewesen war. Dennoch bestärke sie Frauen und Männer dazu mutig, risikobereit und neugierig zu bleiben. Als wichtigste Eigenschaft betont sie im Interview Ehrlichkeit. „Das habe ich von meiner Mutter mit auf den Weg bekommen: Immer bei der Wahrheit zu bleiben.“

Auf ihr bewegtes Leben blickt sie positiv zurück. „Ich persönlich fühle mich zufrieden und entspannt. Ich muss mich nicht fragen, ob das alles war, denn es war viel mehr, als ich mir vom Leben je erwarten konnte.“  


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