„Entwicklungszusammenarbeit wirkt“

Die Austrian Development Agency (ADA) leistet wichtige internationale Entwicklungszusammenarbeit und setzt derzeit Projekte mit einem Gesamtvolumen von 500 Millionen Euro um. SOCIETY sprach mit Geschäftsführer Dr. Martin Ledolter.

Seit Juli 2017 befinden Sie sich in Ihrer zweiten Amtszeit als Geschäftsführer der Austrian Development Agency. Was ist das Besondere, was das Herausfordernde an Ihrer Arbeit?

Die Antwort auf diese Frage muss man aus zwei Perspektiven betrachten – einer persönlichen und einer institutionellen. Persönlich hat mich an meiner Aufgabe als ADA-Geschäftsführer seit Tag Eins besonders gereizt, dass jeder Arbeitstag anders als der Vorhergehende ist. Die Arbeitsbereiche der Austrian Development Agency decken ein breites Spektrum in einem herausfordernden Umfeld ab: von Wasserversorgung über Friedensförderung, Ernährungssicherheit und Bildung bis hin zur Geschlechtergleichstellung.

Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite und die ich auf meinen bisherigen Reisen in unsere Schwerpunktländer kennenlernen durfte, wissen aus erster Erfahrung: Entwicklungszusammenarbeit wirkt, und wir schaffen mit unseren Anstrengungen tatsächliche und nachhaltige Verbesserungen für die Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern. Diese Überzeugung für die Sache und die Resultate, die wir mit unserer Arbeit erzielen, ist für mich täglicher Ansporn und Belohnung zugleich.

Auf institutioneller Ebene sind wir natürlich mit globalen Herausforderungen konfrontiert, die gemeinsame Lösungsansätze und Kooperation erfordern. Klimawandel, Migration, humanitäre Krisen – die Liste an Aufgaben, die die internationale Gemeinschaft zu bewältigen hat, ist lang. Österreich kommt hier seiner Verantwortung nach. Hilfe vor Ort ist noch immer die beste Methode, um Menschen eine Perspektive in ihrer Heimat zu geben. Die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sind hier der Kompass für unsere Arbeit. Diese Ziele verdeutlichen aber auch, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit bis 2030 alle Menschen in Würde und ohne Armut und Hunger leben können.

Die ADA ist in elf Schwerpunktländern der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit tätig – wie wird entschieden, welches Land als Schwerpunktland gelten soll?

Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit konzentriert sich auf einige wenige Schwerpunktregionen in Afrika, Asien, Südosteuropa und dem Südkaukasus. Damit folgen wir dem internationalen Trend, verstärkt auf umfassende Programmziele zu setzen und punktuelles Engagement zu reduzieren. Die Festlegung dieser Schwerpunktländer basiert auf einem historischen Prozess, den außenpolitischen Beziehungen und der spezifischen Expertise Österreichs.

Mit unserem Schwerpunktland Uganda beispielsweise verbindet uns traditionell eine enge Partnerschaft, die bis in die frühen 1980er-Jahre zurückreicht. Die Kooperation zwischen dem Königreich Bhutan und Österreich begann gleichfalls in den 1980er-Jahren – mit einer Besonderheit: Denn hier wählte Bhutan Österreich als Wegbegleiter aus, um sich in jenen Bereichen weiterzuentwickeln, in denen wir großes Know-how besitzen: etwa in den Feldern erneuerbare Energie oder Tourismus. So war Österreich maßgeblich am Bau mehrerer Wasserkraftwerke beteiligt.

Sie sehen also: Die Projekte und Programme sind an die Gegebenheiten vor Ort angepasst und mit den lokalen Akteuren abgestimmt. Die Auslandsbüros der ADA gewährleisten einerseits partnerschaftliches Arbeiten in unseren Schwerpunktländern sowie andererseits effektives Monitoring und Controlling. So stellen wir sicher, dass unsere Arbeit den gewünschten Fortschritt und die beabsichtigten Ergebnisse erzielt und jeder Euro dort ankommt, wo er ankommen soll.

Wie „entstehen“ Projekte? Wie kann man sich den Aufbau bzw. die Abwicklung grundsätzlich vorstellen und welches Projekt liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Für die Umsetzung der Projekte und Programme arbeiten wir sehr stark mit Partnern. Diese werden zum einen über Ausschreibungen, Antragsverfahren oder Calls for Proposals – also der Einladung zur Einreichung von Förderansuchen – ermittelt. Öffentliche Einrichtungen, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Universitäten und andere Institutionen können so eine Förderung der ADA beantragen.

Zum anderen vergeben wir Fördermittel direkt an multilaterale Organisationen wie beispielsweise an das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, das World Food Programme oder andere UN-Organisationen wie UNHCR oder UNDP. Ausgewählte Programme unterstützen wir genauso über Fonds, die wir gemeinsam mit anderen Gebern finanzieren. Gleichzeitig setzen wir derzeit etwa für die Europäische Kommission Projekte in der Höhe von über 100 Millionen Euro um, insbesondere in den Bereichen Friedensförderung und Aufbau von Wasserinfrastruktur in Kleinstädten.

Bei umfassenden Projekten und Programmen arbeiten wir mit öffentlichen Einrichtungen der Partnerländer zusammen und nutzen ihre Planungs-, Finanzierungs- und Abwicklungsstrukturen. Dadurch wird das Bekenntnis dieser Länder zu unseren gemeinsamen Anstrengungen sichergestellt und wir tragen zum Aufbau einer modernen und leistungsfähigen Verwaltung bei. Außerdem gehen wir damit auf die konkreten lokalen Bedürfnisse und Gegebenheiten ein. Kooperation auf Augenhöhe wird in der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit gelebt, Partnerschaftlichkeit ist unser oberstes Gebot.

Qualitätssicherung ist für die Austrian Development Agency ein wichtiger Punkt. Damit Menschen auch nach Abschluss eines Projekts langfristig Zugang zu leistbarer und nachhaltiger Stromversorgung haben, damit junge Menschen von ihrer Ausbildung profitieren und einen Job finden, müssen Initiativen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Vorfeld genau geplant und laufend überprüft werden. Monitoring ist ein wesentlicher Teil der Arbeit unserer ReferentInnen. Und neben den aktuell laufenden Projekten und Programmen gilt es eine Vielzahl von bereits abgeschlossenen Aktivitäten abzurechnen und zu evaluieren.

Bei über 600 Projekten mit einem Volumen von 500 Millionen Euro ist es schwierig, ein bestimmtes Beispiel hervorzuheben, weil mir alle gleichermaßen am Herzen liegen. Was mich aber persönlich immer wieder bewegt und motiviert, ist die nachhaltige positive Veränderung, die unsere Maßnahmen bewirken: Wenn man etwa nach zwei bis drei Jahren sieht, welche Auswirkungen der Anschluss an Trinkwasser für Menschen hat – Kinder, die zur Schule gehen, Frauen, die eine bezahlte Arbeit ausüben und ein selbstbestimmteres Leben führen können, anstatt den Großteil ihrer Zeit Trinkwasser holen zu müssen.

Wie sehen Ihre Zukunftsvisionen und Pläne für die ADA aus? Wo verorten Sie Herausforderungen, wo Chancen?

Unser erklärtes Ziel bleibt, den Menschen in Entwicklungsländern zu besseren Lebensbedingungen und echten Perspektiven zu verhelfen. Deshalb verfolgen wir 2019 weiterhin vor allem Eines: Armut bekämpfen, Frieden fördern und die Umwelt schützen. Um diese Ziele zu erreichen, setzen wir vermehrt auf die Umsetzung von Geldern, die uns Geber wie die Europäische Union übertragen. Hier hat sich die ADA in den letzten Jahren erfolgreich als Kompetenzzentrum etabliert. Dass uns die Europäische Kommission ihre Mittel anvertraut, zeugt von unserer Expertise und unserem Know-how – und das macht mich stolz. Wir wollen in Zukunft im selben Ausmaß ein verlässlicher Partner bleiben und uns bemühen, Aufträge österreichischer Ministerien und Bundesländer, der Europäischen Kommission und anderer Geber zu übernehmen. Denn dadurch können wir noch mehr bewirken.

Außerdem haben wir uns im Oktober des vergangenen Jahres beim Green Climate Fund als erst dritte internationale Entwicklungsagentur – nach jenen Deutschlands und Japans – erfolgreich akkreditiert. Damit haben wir nun eine zusätzliche Möglichkeit, uns um Gelder für Projekte zu bewerben, die Entwicklungsländer bei Anpassungen an den Klimawandel unterstützen. Denn eines ist klar – der Klimawandel und seine Auswirkungen werden uns in den kommenden Jahren noch stärker als bisher beschäftigen.

Wir setzen unsere Bemühungen für ein Leben ohne Armut für alle also fort. Den Fokus legen wir 2019 auf die Bereiche Wasser, Energie und Klimaschutz, die eng mit nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft verbunden sind. Der Privatsektor bleibt wichtiger Mitstreiter der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit: Mit Wirtschaftspartnerschaften und der Förderung von neuen Technologien leisten wir einen sinnvollen Beitrag, um Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern und Zukunftsperspektiven zu schaffen.

Die Themenbereiche menschliche Sicherheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sowie Bildung sind weitere Arbeitsfelder, in denen wir uns engagieren. Damit wollen wir einen Beitrag zu sicherer und verantwortungsvoller Migration leisten. Ganz klar im Zentrum unserer Bemühungen stehen jedoch die Geschlechtergleichstellung und der Einsatz für ein Ende der Diskriminierung von Mädchen und Frauen. Denn letzten Endes ist genau diese Gleichberechtigung die zentrale Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung, die alle erreicht.

Herausfordernd bleiben sicherlich weiterhin langanhaltende und wiederkehrende humanitäre Krisen. Um hier sowohl rasch als auch nachhaltig Not zu lindern, setzen wir bei einem Zusammenspiel aus humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Konfliktprävention und Friedenskonsolidierung an.

Österreich hat sich zu der Umsetzung der Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen verpflichtet – und damit dem Grundsatz „Leave no one behind“. Diesen Grundsatz lebt die ADA, und diesen Grundsatz leben wir in der ADA. Selbst, wenn bis zur Erreichung dieser Ziele noch Einiges zu tun ist: Die SDGs sind unsere Chance, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Diese Chance müssen wir uns Tag für Tag vor Augen führen.

Weitere Informationen finden Sie unter https://www.entwicklung.at/

Fotos: Wilke /ADA / Frank Helmrich /

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