Das Miteinander fördern

Interview mit Monika Haider, Ballmutter des Diversity Balls und Geschäftsführerin von equalizent über gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Qualifizierung gehörloser Jugendlicher.

2004 haben Sie das Institut equalizent gegründet. Was sind Ihre wichtigsten Anliegen und Ziele?

Gehörlose waren früher automatisch im Schneider- oder Schlosserbetrieb tätig, andere Berufe standen ihnen gar nicht erst offen. So wie alle blinden Menschen nur Bürstenmacher werden konnten, unabhängig von ihren Fähigkeiten. Aufgrund dieses gesellschaftlichen Hintergrunds, habe ich beschlossen das Institut aufzubauen. Wir wollten ein Schulungszentrum sein, das gehörlosen Menschen die Möglichkeit gibt, verschiedene Berufe zu erlernen. Hierfür haben wir die ersten Role Models ausgebildet. Wir möchten den Jugendlichen Orientierungshelfer in der Berufswelt sein. Man könnte uns als Volkshochschule für Gehörlose bezeichnen – der Besuch von Englischkursen in Gebärdensprache ist ebenso möglich wie das Absolvieren des Staplerscheins. Wir haben auch Webinar-Seminare für Gehörlose entwickelt. Ein weiterer Schwerpunkt des Instituts, ist die Entwicklung neuer Technik – diese kann helfen, dass Gehörlose einen Platz in unserer Gesellschaft bekommen. Facebook ist sehr beliebt und mit dem Handy ist es mittlerweile möglich, per Videotelefonie Kontakt nach Hause aufzunehmen. Die neuen sozialen Medien haben einen äußerst integrativen Charakter.

In welchen Bereichen sind Ihre neuesten Projekte angesiedelt?

Wir wollen uns internationalisieren. Da viele unseren Bereich als Nischen-Thema sehen und von einer kleinen Zielgruppe ausgehen, hat sich sonst niemand aus der Privatwirtschaft auf dieses Terrain gewagt. Wir glauben, dass sich unser Know-how skalieren und standardisieren lässt. Wir würden uns freuen, wenn überall in Europa kleine equalizents entstehen, die Schulungen und Beratungen für gehörlose Menschen anbieten. Daneben arbeiten wir an einem Avatar, einem halbautomatischen Übersetzungstool – dies soll helfen, die Gebärdensprache breitenwirksam in der Gesellschaft zu verankern. Aktuell entwickeln unsere Mitarbeiter auch eine Notfall App für Gehörlose. Außerdem bieten wir im Rahmen eines EU-Projekts Sensibilisierungsworkshops für Unternehmen an. Ziel ist es, gehörlosen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. Nach wie vor ist es leider sehr schwierig, Unternehmen hierfür zu gewinnen. In unseren Workshops sollen Ängste und Vorurteile abgebaut werden. Bei unserem letzten Seminar waren Unternehmen wie Billa, ÖAMTC und Bank Austria dabei und die Rückmeldungen waren toll.

Was können Sie über die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte des Diversity Balls erzählen? Warum haben Sie einen Ball als Fundraising-Event gewählt?

In den 1990er Jahren habe ich den Integrationsball organisiert. Damals wusste noch niemand etwas über Gebärdensprache. Wir wollten aber keinen Ball nur für Gehörlose machen, denn das wäre schon wieder eine Reduktion. Ziel war es, dem Thema Diversität zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. Wir wollen mit dem Ball ein traditionelles Kulturgut in die heutige Gesellschaft transferieren. Wir möchten mit diesem Event Berührungsängste abbauen. Es soll eine Veranstaltung sein, auf der Menschen zusammen kommen, auf der politisiert werden kann und die auch eine klare Botschaft nach außen sendet. Es gibt auf unserem Ball ja sehr viel Traditionelles, das aufgebrochen werden kann. So haben wir dieses Jahr die Polizeimusikkapelle zusammen mit einer weiblichen Schuhplattlergruppe, einer Bollywoodgruppe und einem homosexuellen Tanzpärchen auftreten lassen, die dann zu „Alles Walzer“ aufgefordert haben.

Dieses Jahr feierte der Diversity Ball sein 10-jähriges Jubiläum. Wenn Sie auf die letzten 10 Jahre zurückblicken – gibt es einen Ball, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Immer wieder erinnere ich mich an den ersten Ball. Wir haben mit 300 Gästen begonnen. Es war toll zu sehen, dass es funktioniert, so viele verschiedene Communities an einem Abend zusammen zu bringen. Es war schön, mit welcher Kraft und Energie die Leute damals unsere Veranstaltung verlassen haben. Noch dazu haben wir den Ball im Jugendstiltheater „Am Spiegelgrund“ veranstaltet – einem Ort, der durch die Zeit des Nationalsozialismus sehr negativ konnotiert ist. Diese Orte müssen neu besetzt werden. Im zweiten Jahr war dieser Veranstaltungsort mit 500 Gästen schon sehr eng – und ja, zum 10. Diversity Ball hatten wir jetzt 2.300 Gästen und der Kursalon wird zu klein. Beim Diversity Ball wird klar, dass alle Randgruppen zusammen eine große Mehrheit sind. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr den Ball im Rathaus veranstalten dürfen. Sind wir doch der einzige barrierefreie Großevent in Wien und das Thema Diversität ist ja auch der Stadt Wien ein besonderes Anliegen.

Welche Maßnahmen werden beim Diversity Ball gesetzt, um ein barrierefreies Ballvergnügen zu garantieren?

Wir haben im Kursalon ein 3D-Modell entwickelt, das Blinden bei der Orientierung hilft, und es gibt Induktionsschleifen für hörbeeinträchtigte Gäste. Außerdem unterstützen Communication Angels Gehörlose und Hörende bei der Unterhaltung. Das gesamte Programm wird in Gebärdensprache und die Speisekarte in Brailleschrift übersetzt. An der Bar kann in Gebärdensprache bestellt werden. Es gibt Assistenzkarten für Menschen, die persönliche Betreuung brauchen. Aber für uns bedeutet Barrierefreiheit auch, dass Menschen mit Behinderung mit Menschen, die keine Behinderung haben, zusammen kommen. Es ist uns wichtig an diesem Abend das Miteinander zu fördern.

Für welche sozialen Projekte wird der Reinerlös des Balls verwendet?

Aufgrund des starken Flüchtlingszuzugs in den letzten Jahren, haben wir unser Angebot für MigrantInnen vervierfacht. Wir haben im Moment ungefähr 40 gehörlose Flüchtlinge und MigrantInnen, die wir betreuen. Es ist einfach wichtig, dass du in einem neuen Land auch die Möglichkeit hast, die Sprache zu erlernen. Seit zwei Jahren fließt der Erlös des Diversity Balls in diese Kurse, die wir kostenlos anbieten.

Sensibilisierungsworkshops für Unternehmen

GEHÖRLOS, NA UND?

Gehörlose Jugendliche & Unternehmen

www.signsforhandshakes.eu

Einladung zum Workshop kostenfrei!

30.6.2017, 9.00 – 13.00

Wirtschaftskammer Wien – Forum EPU

Operngasse 17 – 21, 1040 Wien

15.9. 2017, 9 – 13:00

Wirtschaftskammer Wien – Forum EPU

Operngasse 17 – 21, 1040 Wien

6.10.2017, 9.00 – 13.00

equalizent  GmbH
Obere Augartenstraße 20
1020 Wien

Foto: Equalizent

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